Abläufe und Prozesse
Wer ein fertiges Flussdiagramm sieht, sucht zuerst den Anfang. Wer dem Ablauf beim Entstehen zusieht, bekommt die Reihenfolge geschenkt. Der Stift ist die Leserichtung, und niemand muss sie erklären.
FILM-PRODUKTION
Eine Hand zeichnet vor der Kamera, Strich für Strich, und wischt zwischen zwei Bildern wieder alles weg. Der Film unten erklärt Whiteboard-Animation in Whiteboard-Animation und hat 69 Cent gekostet. Darunter steht, wie das Verfahren funktioniert und wie Sie es selbst einsetzen.
Warum eine zeichnende Hand mehr erklärt als ein fertiges Bild
2:10 Minuten, zwölf Szenen, 1920×1080, mit Sprecher und Musik. Gezeichnet werden 6137 einzelne Striche, alle aus zwölf erzeugten Vorlagen gewonnen. Untertitel liegen bei und lassen sich im Player zuschalten. Sie sind ausgeschaltet, weil sie sonst über der Zeichnung liegen.
Bezahlt wird nur, was ein KI-Modell erzeugt, und zwar in Credits beim Anbieter kie.ai, über den hier Bilder und Stimme laufen. 200 Credits kosten dort einen US-Dollar, ein Credit also rund 0,43 Cent. Eine Zeichnung in 2K kostet 10 Credits, die Stimme 0,1 Credits je Sekunde. Alles andere, also Zeichenpfade, Animation, Rendern, Schnitt und Untertitel, läuft auf dem eigenen Rechner und kostet nichts.
DER GRUND
Das ist der ganze Trick, und er ist keine Geschmacksfrage. Ein fertiges Schaubild zeigt ein Ergebnis, und Ergebnisse überfliegt man. Ein wachsender Strich zeigt einen Gedanken, und einen Gedanken muss man verfolgen, sonst bekommt man nicht mit, was daraus wird. Deshalb trägt die Machart auch sperrige Themen, bei denen eine Folie längst weggeklickt wäre.
WOFÜR SIE ES EINSETZEN
Wer ein fertiges Flussdiagramm sieht, sucht zuerst den Anfang. Wer dem Ablauf beim Entstehen zusieht, bekommt die Reihenfolge geschenkt. Der Stift ist die Leserichtung, und niemand muss sie erklären.
Zwei Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, und dazwischen eine Verbindung. Der Strich, der beide verbindet, ist die eigentliche Aussage. Wird er vor den Augen des Zuschauers gezogen, ist er nicht zu übersehen.
Links das eine, rechts das andere, dazwischen wächst der Unterschied. Ein Vergleich, der sich aufbaut, wirkt anders als einer, der schon fertig dasteht, weil man beim Zusehen unwillkürlich mitvergleicht.
Ein Balken, der wächst, während jemand seine Bedeutung erklärt, bleibt eher hängen als eine fertige Tabelle. Die Zahl bekommt einen Moment, statt im Raster unterzugehen.
WO ES NICHT PASST
Ein Gesicht, eine Landschaft, ein echtes Produkt. Wer zeigen will, wie etwas aussieht, braucht ein Foto oder einen Film.
Eine dicht schraffierte Zeichnung braucht rund zwanzig Sekunden, keine acht. Wer weniger Zeit hat, nimmt ein einfacheres Motiv und nicht eine schnellere Hand. Ab etwa 2000 Pixeln Strichlänge je Sekunde ist dem Strich nicht mehr zu folgen.
Beschriftungen gehören nicht in die Zeichnung. Bildmodelle schreiben unsauber und oft in der falschen Sprache. Was benannt werden muss, sagt der Sprecher, oder es wird als Schrift darübergelegt.
WIE ES ENTSTEHT
Ein Bild je Szene, als reine Strichzeichnung. Entscheidend ist, dass alle Tonwerte aus offener Schraffur mit weißen Zwischenräumen kommen. Gefüllte schwarze Flächen und Graustufen sind unbrauchbar, weil daraus im nächsten Schritt Astwerk statt Linien wird.
10 Credits je Bild, rund 4 Cent.
Der Sprechtext wird abschnittsweise vertont, und jeder Abschnitt wird gemessen. Erst danach stehen die Szenenlängen fest. Wer die Bilder vorher festzurrt, plant acht Sekunden für einen Satz, der elf braucht.
Rund 14 Credits für zwei Minuten, etwa 6 Cent.
Aus jeder Zeichnung wird der Weg berechnet, den ein Stift genommen hätte. Nicht der Umriss der Linien, sondern ihre Mittellinie, denn ein Umriss ergäbe jede Linie doppelt. Danach werden die Striche in eine Reihenfolge gebracht: erst die langen Züge, also die Konturen, dann die Schraffuren, und jeweils zum nächstgelegenen Nachbarn weiter, damit die Hand nicht über das Blatt springt.
Kostet nichts, läuft auf dem eigenen Rechner.
Aus einer Liste von Szenen mit ihren Dauern entsteht das fertige Projekt. Die Hand hängt an der Spitze des wachsenden Strichs, zwischen den Szenen wischt eine zweite Hand das Bild frei. Am Ende steht eine MP4-Datei.
Kostet nichts.
WAS DABEI ZU LERNEN WAR
Jeder dieser Punkte hat einen Durchlauf gekostet. Sie stehen inzwischen als Regel im Werkzeug, damit sie kein zweites Mal auftreten.
Der naheliegende Weg wäre, den Film von einem Videomodell erzeugen zu lassen. Das scheitert grundsätzlich: Solche Modelle rechnen jedes Bild neu und können nicht garantieren, dass ein einmal gezogener Strich stehen bleibt. Genau darauf beruht der Stil aber. Deshalb läuft die Animation über Code.
Es liegt nahe, alle Teilstriche in ein einziges Grafikobjekt zu packen und mit einem Regler aufzudecken. Das Ergebnis sieht aus wie ein Fehler im Film: Die Zeichnung steht sofort vollständig da, und die Hand fährt sie nur noch nach. Der Grund ist eine SVG-Eigenheit, nach der das Strichmuster bei jedem Teilstück von vorn beginnt. Tückisch daran ist, dass die Handführung dabei völlig richtig aussieht.
Die Hand ist ein Foto, und ihre Spitze muss auf den Punkt gesetzt werden, an dem der Strich entsteht. Sucht man dafür den obersten dunklen Bildpunkt, trifft man bei einem schräg liegenden Stift die Oberkante des Schafts. Im vorliegenden Bild waren das 168 Pixel daneben, und dann scheint die Farbe aus der Hand zu kommen statt aus dem Stift. Richtig ist der vorderste Punkt entlang der Stiftachse.
Handgezeichnete Animation lebt vom leichten Zittern der Linie. Auf einer Tafel gilt das aber nicht: Ein Strich, der einmal steht, liegt fest. Krumm ist er, aber er bewegt sich nicht mehr. Bewegen darf sich die Hand, und zwar als Drehung um die Stiftspitze, damit der Ansatzpunkt steht und nur der Arm wandert.
Das Werkzeug warnt, wenn die Hand für ein Motiv zu wenig Zeit hat. Es maß die Strichlänge aber im Arbeitsmaßstab, während das Video sie vergrößert zeigt, und unterschätzte das tatsächliche Tempo dadurch um genau diesen Faktor. Sechs Szenen dieses Films lagen über der Grenze, ohne dass eine Warnung kam. Gefunden hat es nicht der Mensch, sondern die zweite Maschine beim ersten eigenen Testfilm.
ZUM NACHBAUEN
Alles oben Beschriebene steckt in einem Skill für Claude Code. Es ist keine Dokumentation im Nachhinein, sondern die Anweisung, nach der dieser Film tatsächlich entstanden ist, samt der Fehler, die dort inzwischen als Regel stehen. Das Paket enthält zusätzlich die drei Skripte und beide Hände, freigestellt und vermessen, sodass für sie keine Kosten mehr anfallen.
Die Arbeitsanweisung, drei Skripte und beide Hände. pfade.py gewinnt die Zeichenpfade aus einer Strichzeichnung, bauen.py macht aus einer Szenenliste das fertige Projekt und warnt, wenn ein Motiv für seine Sprechzeit zu dicht ist, hand.py bereitet eine eigene Hand auf. Dazu die Kompositionsvorlage und die erprobten Bildprompts mit Begründung.
Im Paket liegt eine Einrichtungsanleitung, die nicht an Sie gerichtet ist, sondern an eine KI. Legen Sie ihr den entpackten Ordner vor und schreiben Sie dazu „Richte das bitte nach der beiliegenden Anleitung ein." Sie führt in fünf Schritten durch Ablage, Python-Umgebung, Renderer und eine kostenlose Probe, und sie kennt die vier Fehler, die dabei üblicherweise auftreten.
Python mit numpy, scikit-image und pillowfür das Gewinnen der Pfade. HyperFrames für die Animation, das lädt sich bei Bedarf selbst. Für neue Motive einen Zugang zu einem Bildmodell. Sprache und Musik sind nicht Teil dieses Werkzeugs, dafür ist der Produktions-Skill zuständig.
Der Stil dieser Seite weicht bewusst vom Rest ab. Alle anderen Filme auf caligatus.eu sind in Papercut gehalten. Hier ist die Machart das Thema, und ein Film über Whiteboard-Animation kann schlecht in etwas anderem laufen.